Heimkehr eines vertriebenen Künstlers

Kutlug Ataman wurde in der Türkei eingesperrt und gefoltert. Jetzt kann der schwule Videokünstler zum ersten Mal in seiner Heimat ausstellen.

Welt-Online, 13. Dez. 2010, von Tim Ackermann

Der Künstler hatte extra ein paar Pfunde zugelegt. Was ist schließlich ein Bauchtanz ohne Bauch? „Method Acting“ nennt man das wohl, wenn sich ein hagerer Mensch auf die Proportionen einer orientalischen Wuchtbrumme heraufmästet. In seinem Video „Turkish Delight“ von 2007 jedenfalls lässt Kutlug Ataman üppige Hüften kreisen. Er stakst in High Heels umher, legt sich auf den Rücken und schwenkt die goldenen Troddeln eines Fransen-BHs. Eine ausgefeilte Choreografie der Verführung – doch Atamans Miene bleibt beim Tanzen gleichgültig, ja gelangweilt. So wird aus der orientalischen Attraktion eine Parodie.

Kutlug Ataman sitzt – mittlerweile wieder schlank – im Café des Istanbul Modern, dem wichtigsten Museum für Gegenwartskunst in der Türkei. Die braunen Augen des Videokünstlers blicken müde ins Leere. Für einen Moment sieht er aus wie ein abgekämpfter Don Quijote. Vielleicht liegt es an der altmodischen Kombination von Schnurr- und Spitzbart, die er gerade trägt, dass man an Cervantes’ traurigen Ritter denkt. Ataman ist ein ausgepowerter Kämpfer, der seit Jahren gegen die Engstirnigkeit seiner Mitmenschen anreitet. „Die Türkei ist der Boden, in dem meine Kunst wurzelt“, sagt er. „Leider hat bisher kaum ein Türke meine Arbeiten zu Gesicht bekommen.“ Dann fragt Ataman sehr freundlich, ob man das Gespräch etwas kürzer halten könne. Er müsse dafür sorgen, dass seine Mutter durch das Verkehrsgewirr der 13-Millionen-Metropole heil zur Vernissage kommt.

Kutlug Ataman kehrt nach Hause zurück: „The Enemy Inside Me“ im Istanbul Modern ist nicht irgendeine Ausstellung. Es ist die erste große Schau des Künstlers in seiner Heimat. „Warum erst jetzt?“, fragt man sich – denn Kutlug Ataman ist im Rest der Welt nicht ganz unbekannt. Er hat auf der Documenta ausgestellt und auch auf den Biennalen in Venedig, São Paulo oder Berlin. Warum also hat es so lange gedauert bis zu seiner ersten großen Einzelausstellung in der Türkei? Kutlug Ataman zuckt nur die Achseln. „Man hat es mir halt nicht angeboten.“

Er könnte hinzufügen: Weil man mich hier nicht wollte. Weil man mich gehasst hat. 1961 wurde er in Istanbul geboren. Als die Polizisten seine Tür eintraten, war er kaum mehr als 18 Jahre alt und ein gewöhnlicher linker Aktivist. „Ich war für sie ein Staatsfeind“, sagt Ataman. „Ich hatte in den Monaten vor dem Militärputsch demonstrierende Studenten und streikende Arbeiter mit meiner Kamera begleitet. Die Polizisten haben meine Filme mitgenommen und verbrannt.“ Es war noch schlimmer: Sie nahmen auch ihn mit. Nach dem Staatsstreich von 1980 verfolgte das Militärregime potenzielle Gegner, linke wie rechte, willkürlich und gnadenlos. 28 Tage lang wurde Ataman im Gefängnis geschlagen, bedroht, mit Stromstößen gefoltert.

Als sie ihn wieder freiließen, kehrte er der Türkei den Rücken und ging in die USA, um in Los Angeles an der University of California Film zu studieren. Er lebte in Paris, in Berlin, in London, wurde als Regisseur mit Spielfilmen wie „Serpent’s Tale“ und „Lola + Bilidikid“, der von Türken in der Kreuzberger Schwulenszene handelt, bekannt. Später machte er sich einen Namen als Videokünstler, war auch einmal für den Turner Prize nominiert. Währenddessen blieben die Generäle, die ihn foltern ließen, auf dem Posten. Und in Würden. Das Militär sieht sich in der Türkei als Hüter des laizistischen Staates.

http://www.welt.de/kultur/article11592906/Der-Staatsfeind-triumphiert-ueber-die-Generaele.html

 

 

About livelongday

Associate Professor of German Studies, Director of Graduate Studies Co-Editor of Critical Multilingualism Studies | cms.arizona.edu Co-Investigator, Researching Multilingually at the Borders of Language, the Body, Law, and the State (2014–2017)
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