“Zu Weihnachten hatten wir einen Plastikbaum”

In “Almanya” erzählen die Regisseurinnen Nesrin und Yasemin Samdereli von drei türkischstämmigen Generationen in Deutschland – und wurden gleich zur Berlinale geladen.

© Raimar von Wienskowski

Yasemin (links) und Nesrin Samdereli ließen sich für ihr Spielfilmdebüt auch von der eigenen Familiengeschichte inspirierenYasemin (links) und Nesrin Samdereli ließen sich für ihr Spielfilmdebüt auch von der eigenen Familiengeschichte inspirieren 

ZEIT ONLINE: Sie zeigen drei Generationen in Ihrem Film Almanya: Einen Gastarbeiter und seine Frau, die in den sechziger Jahren aus Anatolien ins Ruhrgebiet kamen, ihre vier Kinder und zwei Enkel. Was unterscheidet die drei deutschtürkischen Generationen?

Nesrin Samdereli: Wir sind ganz klassisch vorgegangen: Auch wenn der Großvater auf den Lebensstandard in Deutschland nicht mehr verzichten mag, ist er immer Türke geblieben. Der deutsche Pass, auf den seine Frau so stolz ist, ändert nichts daran. Seine Kinder sind deutsch geprägt, haben aber einen starken türkischen Hintergrund. Sie leben mit dem Konflikt, zwischen zwei Kulturen zu stehen, haben sich aber nie mit dem Thema Integration beschäftigt. Diese zweite Generation ist deshalb aber noch lange nicht homogen. In Almanya spricht der älteste Sohn Veli nicht perfekt deutsch, während der jüngste, der in Deutschland geborene Ali, allem Türkischem gegenüber sehr skeptisch ist. Das Essen ist ihm zu scharf, das Leben in der Türkei zu chaotisch. Seine deutsche Frau ist wesentlich mediterraner als er.

ZEIT ONLINE: Enkel und Enkelin – der 6-jährige Cenk und die 22-jährige Canan – wirken hingegen schon ziemlich deutsch.

Nesrin: Die zwei empfinden Deutschland als ihr Heimatland, aber es gibt diesen Blick zurück, der große Identitätsfragen aufwirft: Warum bin ich so, wie ich bin? Wie sehen die anderen mich? Der Erstklässler Cenk ist genervt: In der Schule spielen Deutsche gegen Türken Fußball und er wird in keine Mannschaft gewählt. In diesem Fall geht nur entweder oder.

Yasemin Samdereli: Die junge Canan lebt ein modernes deutsches Leben. Sie studiert und wohnt mit einem Mann zusammen. Aber obwohl die Bindung in ihrer Familie eng und die Atmosphäre liebevoll ist, wissen weder ihre Mutter noch ihre Großeltern von ihrem englischen Freund. Als sie schwanger wird, ist sie verzweifelt, weil sie nicht weiß, wie sie es der Familie erzählen soll.

arte.tv: Die Komödie “Almanya” erzählt die Geschichte des türkischen Gastarbeiters Hüseyin Yilmaz, der in den 60er Jahren mit seiner Familie nach Deutschland kommt. 

ZEIT ONLINE: Ist der Hintergrund dieser Familie auch Ihrer?

Nesrin: Natürlich erzählt der Film nicht genau unsere Familiengeschichte, wir haben aber Bruchstücke verwendet. Unser Großvater ist ebenfalls vom Dorf nach Istanbul gekommen und dann aus wirtschaftlichen Gründen dem Ruf aus Deutschland gefolgt. Und Canan ist die Figur, mit der wir uns am meisten identifizieren. Sie hat alle Freiheiten und beachtet trotzdem die Regeln ihrer Familie. Eine Beziehung mit einem nicht-türkischen Mann einzugehen, ist immer noch ein Bruch dieser Regeln.

ZEIT ONLINE: Wie lebt man mit diesem Widerspruch?

Yasemin: Unser Vater ist zum Beispiel ein toller, sehr liberaler Vater. Aber er hat immer klar gemacht: Ihr kennt unsere Spielregeln, haltet euch bitte daran. Lebt euer Leben, aber ich will nicht alles wissen. Es gibt Codes für den Umgang miteinander. Daran hält man sich einfach. Wir zumindest tun es. Ein Beispiel aus dem Film: Leyla, die Mutter Canans, raucht nur heimlich. Ihr Vater soll es nicht sehen. Es hat keine große Bedeutung, sie ist seit langem erwachsen, aber sie würde sich genieren, wenn sie gegen diese Regel verstoßen würde.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Weihnachten auch so erlebt wie die Kinder im Film?

Yasemin: Oh ja, wir haben unsere Mutter genötigt, alles so zu machen wie die Deutschen. Es sah auch genauso schrecklich aus wie im Film: der mickrige Baum, die nicht eingepackten Geschenke …

Nesrin: Nein, es war noch schlimmer! Im Film gab es ja wenigstens einen echten Baum – wir hatten einen Plastikbaum.

ZEIT ONLINE: Haben türkischstämmige Kinder heute andere Probleme als Sie damals?

Yasemin: Ich hab die Befürchtung, dass die Kinder sehr stark in Klischees hineingedrückt werden, gerade in Ballungsgebieten. Wir hatten das Glück, dass die Durchmischung gut war. Wir waren nur wenige Türken in der Schule. In ghettohaften Strukturen wie in Neukölln ist es sehr schwierig für die Kinder, die Balance zwischen den Kulturen zu finden, zu erkennen: ein Teil von mir ist deutsch, ein anderer ist türkisch.

ZEIT ONLINE: Muhamed, der zweitälteste Sohn, wird kurz vor der Abreise nach Deutschland in einem Alptraum von Jesus am Kreuz verfolgt. Mehr Religion kommt in ihrem Film kaum vor. Haben Sie den Islam absichtlich ausgeblendet? Dabei scheint er in der Wahrnehmung der Deutschen so entscheidend für das Leben der Türken hier zu sein.

Yasemin: Oh er kommt doch vor: in Flüchen und Beschimpfungen (lacht).Nein, im Ernst: Wir haben den Islam nur thematisiert, wo er ein selbstverständlicher Teil des Alltags ist. Wir kommen aus einer alevitischen, also reformiert islamischen Familie. Die Religion war bei uns nie ein großes Thema – ähnlich wie in vielen christlichen Familien auch.

ZEIT ONLINE: Aber die Großmutter in Almanya trägt manchmal ein Kopftuch.

Yasemin: Das Tragen des Kopftuchs gehörte damals dazu. Man hielt es für Anstand. Frauen, die jetzt ihre Religion neu entdecken, tragen das Kopftuch anders.

Nesrin: In der aktuellen Re-Islamisierung steht das Kopftuch dafür, dass man Stellung bezieht. Ich möchte das aber nicht als eine breite Strömung verstanden wissen. In unserem Umfeld passiert das nicht, in Kreuzberg sieht es anders aus.

Yasemin: Kopftuchtragen darf man jedenfalls nicht automatisch gleichsetzen mit Unterdrückung. Es ist eine sehr persönliche Entscheidung, deshalb würde ich mir wünschen, dass mehr Frauen mit Kopftuch anspruchsvolle Jobs machen und selbstbewusst auftreten.

ZEIT ONLINE: Was ist eigentlich schwieriger im Filmgeschäft – eine Frau zu sein oder Türkin?

Yasemin: Das Filmgeschäft ist jedenfalls noch sehr männlich geprägt. Man tut sich schwer, wenn eine Frau forsch und selbstbewusst auftritt. Ich glaube nicht, dass Männer so viel diskutieren müssen. Als Frau muss man immer fürsorglich sein, gut zuhören, jeden abholen, jeden verstehen. Türkische Autoren haben außerdem das Problem, dass man sich immer nur an sie erinnert, wenn es um türkischen Stoff geht. Das ist ärgerlich, denn nur weil ich eine Frau bin, muss ich ja auch nicht nur Frauenthemen behandeln.

Nesrin: Natürlich haben wir mit Almanya genau das Klischee bedient. Aber die Geschichte wollten wir schon so lange erzählen. Schlimm ist nur, wenn man von außen auf so einen Stoff festgelegt wird.

Das Gespräch führte Parvin Sadigh

About livelongday

Associate Professor of German Studies, Director of Graduate Studies Co-Editor of Critical Multilingualism Studies | cms.arizona.edu Co-Investigator, Researching Multilingually at the Borders of Language, the Body, Law, and the State (2014–2017)
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